Papas Perspektive. 10,5 Meter pro Minute. Oder: Aus dem Winterschlaf in die Spielecke im Schneckentempo. 

Ich hab es nachgemessen. Mit Google Maps. Es sind tatsächlich nur 1600 Meter. Einfache Strecke. Einmal Haus zum Kindi. Für die Strecke brauchen wir 150 Minuten. Wir kommen in der Minute also umgerechnet nur knappe 10,5 Meter weiter. Per Auto wohlgemerkt. (Fast) jeden Tag. Was ist passiert? Worum geht’s?

Spulen wir zum Anfang zurück. Also zum Anfang eines jeden Tages. Außer am Wochenende, da haben wir keinen Kindi. Wir: das sind der Fünfjährige und sein dreijähriger Bruder. Sie gehen in den Kindergarten. Und ich. Der Papa. Ich gehe auch manchmal in den Kindi. Wenn ich meine Beiden hinbringe. Und das läuft dann wie folgt.

06:00. Noch kein Regung im (Kinder-)Fuchsbau. Winterschlafmodus. Im Füchschenbau keine Aktivität. Zeit nutzen. Erst einmal selbst unter die Dusche. Zähneputzen. Anziehen. Haare kämmen. Ja nichts vergessen jetzt (Essentials wie Kontaktlinsen einsetzen, Socken anziehen). Später kann sich das ganz übel rächen. Dann gibt’s kein Fertigmachen für einen selbst mehr. Notfalls muss das Hemd dann eben im Auto in die Hose reingestopft werden. Und eigentlich sieht ein Drei-Tage-Bart doch auch ganz cool aus.

06:30. Ich bin fertig. Ab ins Kinderzimmer. Immer noch keine Regung. Leises Schnarchen. Rollladen hoch. Leichter Lichteinfall. Nichts passiert. Leichte, freundliche Ansprache („Aufstehen, Ihr kleinen Murmeltiere“). Das Schnarchen geht weiter. Stufe 2 aktiviert: leichtes Kopfstreicheln. Kind 1 rührt sich gar nicht. Kind 2: leichtes Murren. Wegstoßen der Hand. Eventuell gepaart mit einem leicht gereizten „Lass‘ mich!“.

06:35. Übergang zu Stufe 3 des Weckens: starker Lichteinfall (Deckenlicht an!), Bettdecke aufziehen, Stimme verstärken („Ihr müsst jetzt aufstehen.“). Kind 1 murrt jetzt auch. Kind 2 ist aber zwischenzeitlich wieder eingeschlafen.

06:40. Ich trage Kind 1 ins andere Kinderzimmer. Anziehen. Unterstützt vom Papa. Das heißt: 99,5 Prozent Papa, der Rest das Kind. Socken, Unterhemden etc. Erste Schweißperlen bei mir auf der Stirn. Gerade eben doch erst geduscht? Kind 1 bleibt nun angezogen schlummernd auf dem Teppichboden liegen.

06:50. Trage Kind 2 nun auch vom Bett ins andere Kinderzimmer. Kind 2 kann das eigentlich gut alleine. Weil es ist größer als Kind 1. inkl. Anziehen. Doch ich will ja nicht erst zur Mittagspause in der Arbeit sein! Gleiches Prozedere wie bei Kind 1. Aha, leichter Tritt in Richtung Papa. Ausgewichen. Ätsch, heute gibt’s kein Nasenbluten für den männlichen Erziehungsberechtigten.

07:00. Zwischzeitlich wieder schlummerndes Kind 1 erneut aufgeweckt. Kind 2 ins Bad vorgeschickt. Mit Kind 1 im Bad angekommen. Wo ist Kind 2? Aha, auf dem Weg ins Kinderzimmer abgebogen. Playmobil spielen (dafür reicht die Morgenenergie dann doch wieder). Kind 1 die Zähne geputzt (Kurze bange Frage an mich selbst: ist das wirklich die Zahnpasta mit der Maus auf der Verpackung aufgetragen? Wenn nicht, wird ausgespuckt und es geht zurück zum 06:40-Zeitblock in der Variante „Umziehen“).

07:10. Kind 2 hat sich nun auch erbarmt, endlich ins Bad zu kommen. Beginn des Zähneputzens. Unterbrochen von einer panischen Suche nach dem Helm des Playmobil-Männchens. Erst nachdem der Kopfschutz gefunden ist, dürfen die Backenzähne nun auch gereinigt werden.

07:20. Unter Protest („Das ist ungereeeecht!“) begeben sich die Herren ins Erdgeschoss. Frühstück. Was möchte Kind 1? Müsli? Ja? Dann doch nicht. Lieber Cornflakes? Ok. Gerne doch. Wir sind da ja flexibel. Das angerichtete Müsli wollte ich sowieso gerade in den Mülleimer leeren. Nun Kind 2. Möchte nichts essen. Lieber was trinken. Was denn? Nein, keine Limonade! Tee? Dauert mir zu lang, bis er abkühlt. Nach zähen Verhandlungen einigen wir uns auf Kakao.

07:45. Frühstück fertig. Heute Glück gehabt. Keine Becher oder Schale umgeleert (Würde bedeuten, dass es zurück zum 6:40 Anziehblock geht). Wohin sollen wir gehen, Papa? In den Flur? Zum Anziehen? Warum? Ja, warum eigentlich, frage ich mich. Könnten doch die Winterstiefel und den Anorak bereits im Bad anziehen. Das würde es mir erleichtern. Und das verschüttete Wasser oder die Milch würde am imprägnierten Anorak auch besser abperlen. Kurze Gedankennotiz für mich: diese mögliche Prozessverbesserung heute Abend mal mit meiner Frau besprechen.

08:00. Ja, wir haben alle die Schuhe an. Nachdem wir alle möglichen Kombinationen durch hatten: Links rechts vertauscht. Schuhe von Kind 1 mit den Schuhen von Kind 2 vertauscht. Und so weiter. Jetzt die Mützen. Doch, doch. Müsst ihr anziehen. Nein, sieht nicht doof aus. Ihr seht zuckersüß mit denen aus. Außerdem ist es draußen kalt. Basta! Nach der vierten Aufforderung nehmen sie dann auch tatsächlich gnädigerweise ihre Rucksäcke in die Hand und gehen in Richtung der Haustür.

08:10. Wir stehen vor dem Auto. Ja, natürlich dürft ihr Eure Rucksäcke selbst in den Kofferraum legen. Falsche Seite eingestiegen? Kein Problem. Tauschen wir einfach einmal durch. Natürlich, indem jeder Kind einmal gesondert aussteigt, ums Auto herumläuft und auf der anderen Seite wieder einsteigt.

08:20. Wir sind gestartet. Der Motor läuft. Nein, das Hörspiel legen wir jetzt nicht ein. Wir sind doch gleich am Kindi!

08:25. Am Kindi angekommen. Jippie. Einparken. Ups: Aufpassen, dass der Außenspiegel nicht von der anderen Kindergartentaxis abgefahren wird. Aussteigen. Klar holt ihr Eure Rucksäcke selbst aus dem Kofferraum. Abkürzung durch das Wiesenstück bis zur Kindertür? Nun braucht ihr nicht mehr fragen: jetzt sind die Stiefel sowieso schon dreckig.

08:30. Wir sind an der Eingangstür. Jetzt „Einchecken“: Schuhe aus. Jacken ablegen. Mützen ab. Rucksäcke aufgehängt. Abholzeit in der Tafel hinterlegt. Begrüßungsbild an der Magnetwand auf Status „Ich bin da“ umgezogen. An der Begrüßungstheke beide abhaken lassen.

08:35: Die Spielecke ruft! Zum Abschied ein Lächeln der beiden. Wenn sie gar ganz großzügig sind, gibt es auch einen flüchtigen Kuss. Natürlich nur, wenn keine Kindi-Buddies in der Nähe sind! Sehe Euch heute Abend! Und schon wird es mir wieder warm ums Herz. Und Zuckermelasse scheint über das Hirn zu fließen. Schnell vergisst man(n) die letzten 150 Minuten. Was Kinder halt so mit einem machen.

Bis zum nächsten Mal. Dann grüßen sie wieder, die beiden Murmeltiere. Ich habe Hoffnung, dass wir die 15 Meter in der Minute zukünftig schaffen. Das wird schon. Ganz sicher.


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